Ein kleines Radio und die große Politik

Da war doch gerade das 20jährige RUM-Jubiläum – und das heißt, es wird Zeit für die traditionelle Jubiläumsjammerei über den großen politischen Anspruch und die kleinteilige Wirklichkeit.
RUM ist mit einem politischen Anspruch gestartet – obwohl es im Rückblick so scheinen mag, dass er schon damals nicht recht klar war. Schlagwort war: Gegenöffentlichkeit. Es ging darum, auf Mißstände hinzuweisen, benachteiligte Gruppen selber zu Wort kommen zu lassen … Schon bald wurde der Begriff aber offenbar skeptisch gesehen: als die naive Vorstellung, mittels Verbreitung von Informationen letztlich die Gesellschaft verändern zu können.
Ist das eine „verkürzte Medienwirkungsanalyse“? Oder liegt die Frustration über die ausbleibende Wirkung bloß an der mangelhaften Umsetzung dieses Anspruchs? Denn ein konkretes und umfassendes politisches Programm gab es nie, allenfalls inhaltliche Rahmenpunkte. Dazu kommt, dass das Programm ehrenamtlich produziert wird, also mit den dafür typischen Nachteilen zu kämpfen hat: mangelnde Kontinuität, unzureichende Arbeitsbedingungen, schlicht nicht genug Zeit für umfangreiche Recherchen …
Ist das Konzept der Gegenöffentlichkeit gescheitert, oder sind bloß wir mit der Umsetzung gescheitert?

Wenn es dieses Scheitern gibt, liegt das tatsächlich nur zum Teil an RUM selber; es ist auch Resultat einer Entwicklung, die allgemein zu einer weitgehenden Entpolitisierung geführt hat. Die sozialen Milieus, in denen freie Radios zu ihrer Anfangszeit, teilweise noch als Piratensender, verwurzelt waren, gibt es nicht mehr. Und der Anspruch, Gegenöffentlichkeit zu organisieren, läuft leer, wo politische Sprache, die Sprache des herrschenden politischen Betriebes ohnehin nicht mehr auf eine wie auch immer geartete Realität außerhalb ihrer selbst verweist. Dieser Jargon besteht aus einer Aneinanderreihung von Signalwörtern, die eine erwartete Reaktion auslösen sollen: ein rhetorisches Karussell, in dem Inhalte nicht mehr vorkommen.
Die Öffentlichkeit, die RUM erreicht hat und erreicht, ist eine relativ überschaubare; aber vielleicht kann das unter den gegebenen Umständen auch nicht viel anders sein.
Und weder in dieser begrenzten Öffentlichkeit noch unter den Menschen, die RUM machen, gibt es einen Konsens über konkrete politische Inhalte. Das ist nicht unbedingt nötig und vielleicht auch nicht einmal wünschenswert. Immerhin eröffnet sich damit die Möglichkeit, innerhalb der erwähnten inhaltlichen Rahmenpunkte zu diskutieren und zu streiten. Ernüchternd und vielleicht überraschend ist, dass das im Radio selber wie auch in den Sendungen äußerst selten geschieht.
Dieser Mangel ist gravierend, er dürfte einer der Gründe dafür sein, dass RUM schon seit langem nur sehr wenige Beiträge auf freie-radios.net hochlädt, andere Radios schaffen sehr viel mehr.
Neben Gegenöffentlichkeit gibt es ein anderes Konzept im freien Radio: geschützter Raum. Das kann verstanden werden als eine Reaktion auf zunehmend unangenehmere politische Zustände: hier ist ein Freiraum, in dem gesagt werden kann, was in der politischen Welt draußen nicht mehr sagbar ist. Es gibt legitime Gründe dafür, freies Radio so zu betrachten, sich aus diesem Grund dort engagieren. Der Preis dafür: Verlust an öffentlicher Wirkung. Und manchmal könnte man den Eindruck gewinnen, dass Wirkung in die Öffentlichkeit gar nicht mehr gewünscht ist, weil mit zuviel Risiko verbunden. Wer Rückmeldungen und Reaktionen provoziert, lässt sich auf Auseinandersetzungen ein, die nicht mehr vollständig zu kontrollieren sind. Das kann als Angriff auf den geschützten Raum wahrgenommen werden, und eine solche Angst fördert nicht die allgemeine und bestimmt nicht die politische Kreativität.
Ein dritter Grund, Radio zu machen, der auf den ersten Blick mit Politik nichts zu tun hat, und der in der letzten Zeit an Gewicht gewonnen zu haben scheint: Das Radio als Hobby. Auch das ist natürlich legitim. Explizit stellt sich die Frage nach politischer Wirkung hier nicht mehr. Auf den ersten Blick mag das enttäuschend scheinen – aber politische Programme lassen sich nicht dekretieren; sie entstehen aus der Interaktion mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Vielleicht ist im Moment nicht mehr drin.
Mag sein, daher kommt das Gefühl, dass zu jedem Jubiläum bei RUM über mangelnde öffentliche und politische Wirkung geklagt wird: Wir haben eine Vollfrequenz, wir können eigene Räume nutzen, es ist eine Infrastruktur vorhanden, die im Grunde mehr erlaubt, als tatsächlich geschieht. Das Gefühl, ein Potential niemals voll auszuschöpfen, ist frustrierend.
Vielleicht spendet es Trost, einmal zu den Anfängen zurückzugehen, und am Anfang war das Wort, und es steht am Anfang des ersten Bandes des Kapital: Der Reichtum einer Gesellschaft, in welcher die kapitalistische Wirtschaftsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Ansammlung von Waren. Alles, was unter diesen Umständen produziert wird und gesellschaftliche Relevanz beanspruchen kann, ist Ware – wenn hier also gearbeitet wird, ohne dass dafür Lohn gezahlt und etwas hergestellt wird, das nicht verkauft wird, liegt darin an sich ein Affront gegen diese Gesellschaft. In diesem Sinne existiert RUM tatsächlich als Freiraum; in diesem Sinne sind wir tatsächlich Träger eines politischen Anspruchs, selbst wenn eine Sendung nur aus Hobby-Gründen produziert wird und keine politischen Themen in ihr auftauchen.
In der Summe ist das natürlich ein bisschen wenig. Politik im freien Radio sollte mindestens bedeuten, sich und anderen immer wieder diesen Sachverhalt bewusst zu machen, immer wieder den Versuch zu wagen, den Freiraum zu verlassen, um draußen die eine oder andere Wirkung zu erzielen. Ansatzpunkte dafür gab es immer, und es gibt sie weiterhin: sei es die medienpädagogische Arbeit (die inhaltlich vielleicht eine kritische Zuspitzung vertrüge) oder verschiedene Flüchtlingsprojekte oder immer wieder explizit politische Sendungen. Dennoch bleibt das Gefühl, dass wir unter unseren Möglichkeiten bleiben, das Potential nicht voll ausschöpfen. Vielleicht sollten wir uns wirklich mehr streiten, und zwar vor offenem Mikrofon.

Christian Axnick

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