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pathway Aus dem Funkhaus John Peel - Ein Abschied Donnerstag, 17. Mai 2012
John Peel - Ein Abschied PDF  | Drucken |

John Peel, der berühmte Radio-Discjokei, Freund und Förderer sensibler Rockmusiker, ist nun plötzlich und völlig unerwartet verstorben. Er war auf einem Arbeitsurlaub. Was will man mehr? Mit seiner Frau spazierte er zwischen aztekischen Denkmälern einer historischen Trümmerstätte in der Nähe der peruanischen Anden-Hauptstadt Lima herum.
Und plötzlich Schluß.Herzinfarkt.

Dabei war John Peel mit seinen 65 Jahren ein rüstiger Uraltjugendlicher: kaum ein Grämmchen zuviel, und Bewegungsmangel konnte man ihm auch nicht nachsagen. Aber vielleicht hätte er kürzer treten sollen, als die Ärzte bei ihm im Jahr 2001 eine Zuckerkrankheit feststellten. Stattdessen hatte er sich noch 1998 mit einer Familiensendung der biederen Hörfunkwelle BBC 4 auf vollkommenes Neuland vorgewagt. Unablässig produzierte John Peel Sendungen, arbeitete als Synchronsprecher für historische Dokumentationsfilme. Und lieh seine Stimme sogar Werbespots. Aber John bewarb mit seinem unverwechselbaren Timbre nur Artikel, die er auch tatsächlich selber im Privatleben benutzte. Da war er ganz eigen.

Der Gesundheit zuträglich war gewiß auch nicht, daß sich John Peel zunehmend beim BBC an den Rand gedrängt fühlte und - sicher zutreffend - für sich selbst einen immer größeren Bedeutungsverlust wahrnahm.
John Peel kam 1939 als John Robert Parker Ravenscroft im Örtchen Aswall, in der Nähe von Liverpool, zur Welt. Sein Vater konnte der Familie als erfolgreicher Baumwollhändler einen ganz ordentlichen Lebensstandard sichern. Dem Pennäler John schrieb sein Lehrer mal ins Zeugnis: „Vielleicht wird ja mal was aus John. Er hört wie verrückt total schräge Musik, schreibt aber recht pfiffige Aufsätze über diese Musik."
Als John Ravenscroft 1962 den Wehrdienst hinter sich lassen konnte, heuerte er bei einer Radiostation in Dallas, Texas an. Der Zufall wollte es, daß er hier dem unglückseligen Lee Harvey Oswald begegnete, dem finstere Geheimdienste den Mord an John F. Kennedy in die Schuhe schoben. Mit seinem unverkennbar britischen Englisch konnte John Ravenscroft als Botschafter der unglaublich angesagten britischen Beatmusik eine große Hörerschaft an sich binden, und so wechselte er zu einer größeren Radiostation in Oklahoma.

Doch das Heimweh ereilt auch John Ravenscroft, und er heuert 1967 auf dem schwimmenden Kommerzsender Radio London an. Da der rechtliche Status der Radio produzierenden Schiffe im staatenlosen Gewässer unklar ist und man sich auf dem britischen Festland die weitere Karriere nicht verbauen will, nennt sich Ravenscroft fortan John Peel. Und da pellt sich ein neuer europäischer Star-DJ heraus, der sich um vorherrschende Geschmäcker einen Scheißdreck schert. In seiner Sendung „The Perfumed Garden" macht er Tyrannossaurus Rex und Captain Beefheart bekannt. Ein Gericht in Großbritannien erklärt die schwimmenden Sender für illegal, und Peel wird für die nächsten 37 Jahre Star-DJ beim öffentlich-rechtlichen Sender BBC.

Für die britische Rockmusik ist John Peel unstreitig so bedeutend wie Marcel Reich-Ranicki für die deutsche Literatur. Aber wo Reich-Ranicki nur das fertige Produkt abgrantelt, da ist John Peel väterlicher Förderer von jungen Talenten, wenn diese womöglich noch gar keinen Plattenvertrag haben. Denn John Peel hörte sich alle Tondokumente an, die ihm fiebrige junge Künstler zuschickten. Und wenn sich der Rockpapst durch den Hirseberg von täglich neu zufliegenden Demotapes durchgefressen hatte, entstand jedesmal eine ungewöhnliche Musiksendung ohne roten Faden, ohne Themenschwerpunkt. Da jaulen eben noch Hawai-Gitarren von einer verkratzten Platte aus den Vierziger Jahren; und schon grotzelt King Kong sein Liebesleid in einer Death Metalplatte. Um dann einer hoffnungsvollen Neobeatkapelle aus Endinberra Platz zu machen. Jede Sendung ein neues Experiment. Und jede Sendung klingt so frisch, so voller Aufbruchstimmung, als sei die Rockmusik gerade eben neu erfunden worden. Und dazwischen ein John Peel, der sich nicht genötigt fühlt, besonders gescheit zu wirken: „das hier ist ... äh, mir fällt gerade die Hülle aus der Hand, ich muß sie erst mal vom Teppichboden wieder auflesen ... ah ja, richtig, also das ist ..." Und der Rhythmusgitarrist heißt Goldsmith, und einen Goldsmith hat er mal 1949 in Sussex getroffen.
Aber das alles hindert nicht festzustellen, daß hier wohl der kompetenteste und verantwortungsbewußteste Plattenwender und -kommentator die Entwicklung der modernen Populärmusik beeinflußt hat wie kein Anderer. Nie ist er bei einer Stilrichtung festgerostet. Den Underground hat er angeschubst, den Reggae, den Punk, die diversen Elektro- und Dancefloorstile.

Und John war politisch bewußt. In Großbritannien ist die Rockmusik wirklich die Volksmusik der Arbeiterklasse. Und John Peel hat den Zusammenhang zwischen politischer Veränderung und musikalischer Evolution klar erkannt und ausgesprochen. Er förderte den politischen Barden Billy Bragg. Er ergriff in seiner Sendung Partei für die Bergwerksarbeiter, die sich nicht kampflos von Maggie Thatcher vernichten lassen wollten. Immer wieder spielte John Peel Platten, in denen die Verödung der britischen Gesellschaft durch die neoliberale Politik gegeißelt wurde. Im Gegensatz zu den zahllosen britischen Fanzines, die schon in der Art, wie irgendein rockender Lokalmatador in irgendeinem vergammelten Musikclub in Leeds das Mikrophon festhielt, eine bestimmte Philosophie erblicken wollten, blieb John Peel pragmatisch. Und nahm ohne Schwafeldunst Partei für die kleinen Leute. Für die getretene und verkannte Künstlerseele.

Neben seinem Dauerjob in drei Spätabendsendungen pro Woche bei BBC One war John Peel noch beim BBC World Service und beim Soldatensender BFBS präsent. Und er nahm sich ehrenamtlich zwei Stunden im Monat Zeit, um für die finanzschwachen deutschen nichtkommerziellen Lokalsender in der Dachkammer seines reetgedeckten Häuschens eine eigene John Peel Show zu produzieren.
Es wird keinen neuen John Peel mehr geben. Nur durch sein enormes Prestige konnte John Peel seinen unkommerziellen Präsentationsstil bis zuletzt durchhalten. Nie ist Peel zum Verkaufspropagandisten der großen Musikindustrie verkommen. Er hat sich einzig und allein seinen oftmals namenlosen Künstlern und dem unvoreingenommenen Wissensdurst seiner Hörer verpflichtet gefühlt. Einen solchen Mann werden die großen Sendeanstalten vorerst nicht wieder hochkommen lassen.
 

Hermann Ploppa

 
 
 
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