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2012-05-programmflyer
 
 
pathway Aus dem Funkhaus Kontrollverlust Donnerstag, 17. Mai 2012
Kontrollverlust PDF  | Drucken |

oder: wann versteht auch n-tv, warum wieder so viele junge Menschen in die Wälder gehen?

Same procedure
Nennen wir es Castor-Alarm: In der zweiten Novemberwoche sollen sechs Castorbehälter mit hochradioaktiven Abfällen aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague ins Zwischenlager Gorleben rollen. Vorbereitet wird auf ein Neues der größte Polizeieinsatz in der Geschichte der BRD. Die Anti-AKW-Bewegung feilt in allen Schattierungen neben- und miteinander an Aktions- und Streckenkonzepten.

Ein setting also, das nur allzu austauschbar scheint mit den erbaulichen Tumulten der vergangenen Jahre: Die norddeutsche Provinz wird erneut Schauplatz eines mehrtägigen, symbolisch aufgeladenen Kampfes um Schienenmuttern und Camps, staatlichem Kontrollanspruch und zigtausendfacher Regelverletzung.
Die vermeintliche Ritualisierung des konkreten Aktionsgeschehens und die mediale Verwurstung zum immer gleichen Kräftemessen mit vorhersehbarem Ausgang scheint allerdings einige neue politische Dimensionen des Symbols Gorleben zu übertünchen.

Frieden machen
Als im März diesen Jahres der Castor über die letzten Kilometer nach Gorleben geprügelt wurde, war dies nicht nur der erste Transport nach drei Jahren Transportstop und notwendiger Türöffner für eine Welle folgender Atommüllverschiebung nach Frankreich - es war auch der erste Castor im Zeichen des rotgrünen \\\'Atomkonsens\\\'. Dieser Konsens sichert den BetreiberInnen der AKW nichts weniger zu, als den Weiterbetrieb der Reaktoren weit über ihre ursprünglich veranschlagte Nutzungsdauer hinaus. In rotgrünem Neusprech wurde versucht, dieses Wunschkonzert der Atomkonzerne als \\\'Atomausstieg\\\' zu verkaufen. Und genau an diesem Punkt bestand und besteht dann die nur scheinbar paradoxe Deckungsgleichheit zwischen der höchst identitären Selbstversicherung der Grünen, \\\'es\\\' nun endlich geschafft zu haben und dem wichtigsten Anliegen der Atomkonzerne - dem störungsfreien und ertragreichen Auslaufen ihrer Anlagen. Beides nämlich funktioniert nur bei weitgehendem Verschwinden der außerparlamentarischen Anti-AKW-Bewegung.
Der Konsens zielte mit seiner Ausstiegsrhetorik und den neuen Zwischenlagern an den Reaktoren letztlich nur auf eines: Die Befriedung und Integration der sich am Castorkonflikt regenerierenden Anti-AKW-Bewegung.

Gorleben lebt
Beim Transport im März spielte sich nun aber das ab, was die sich ob ihres eigenen Vorhandenseins bis dahin nicht mehr sichere Anti-AKW-Bewegung erhofft hatte und wovon die Grüne Partei nur allzu gern verschont geblieben wäre: Die Proteste nahmen quantitativ so gut wie nicht ab, qualitativ konnte mit der Konzentration auf die 50 km Schiene von Lüneburg nach Dannenberg eine bis dato nicht erreichte Überforderung des Polizeiapparats festgestellt werden, die der lautstarken Hoffnung roter und grüner Minister auf ein konsensuales Entschlafen des Widerstands ein desaströses Ende setzte.
Mehr als einen Tag lang Rückwärtsgang und Stillstand im wendländischen Wald - erstmals mussten 3000 Beamte nachbestellt werden, da die behelmten Schienenschützer ihrem staatlichen Auftrag schlicht nicht mehr nachkommen konnten.
Der Atomkonsens ist in seiner ursprünglichen Intention, den \\\'Boden der Anti-AKW-Bewegung auszutrockenen\\\' (Minister Müller in der ZEIT vom 29.6.2000) also grandios gescheitert. Zumindest am Symbol Gorleben wird man sich noch eine Weile mit viel Ärger herumschlagen müssen.

Nach Genua
Unterdessen ist an anderer Stelle ein Aufleben intervenierender Proteste gegen die kapitalistische Globalisierung erkennbar, die ihrerseits ein neues Arsenal staatlicher Repression und Kontrolle auf sich ziehen.
\\\'Globalisierungsgegner würden die Anti-AKW-Bewegung unterwandern\\\', schwadronierte jüngst der niedersächsische Innenminister. Schwerste Verbrechen haben laut Schily all jene begangen, die sich beim letzten Castor nicht an die staatlichen Spielregeln zur Unsichtbarmachung des Protests hielten. Gorleben-Einsatzleiter Hartmut Reime fand Gefallen an der neuen, diskursiven Munition: Die zugereisten Castor-GegnerInnen seien \\\'Polit-Hooligans\\\' . Ungemütlich wird es, so lässt sich ahnen, im Wendland nicht nur wegen der zu erwartenden Temperaturen. Vielleicht schwindet nach Genua aber auch langsam das dumpfe, dinosaurierhafte Gefühl, ein anachronistischer letzter Rest von etwas ehemals viel Größerem zu sein, zu Gunsten der Hoffnung, dass bald wieder ein paar politische Brandherde mehr Kritik und Widerspruch sichtbar machen.

Und mit diesem Anliegen müssen wir dem oben zitierten Herrn Schily an anderer Stelle zweifelsohne Recht geben - ein großer Teil der CastorgegnerInnen will die Konfrontation in Gorleben, nicht nur atompolitisch. Eben diese Konfrontation hat aber mitnichten die physische Herausforderung der Einsatzkräfte zum Ziel - sondern vielmehr das, was Einsatzleiter Reime kurz nach dem letzten Transport in einem Anflug von Ehrlichkeit schöner beschrieb, als es linke Rhetorik je könnte: \\\'Kontrollverlust\\\'. Kontrollverlust über ein Stück Wald in Niedersachsen, politischer Kontrollverlust aber auch nach der gescheiterten Tilgung des Symbols Gorleben, das mit seiner Fortexistenz so gar nicht in die schöne neue Konsenslandschaft des seinen alten Konflikten entwachsenen Deutschlands passen will. Das allein sollte es uns schon wert sein ...


Und damit hätte sich dieser Text nun als das geoutet, was er ist: Ein Aufruf, Arbeit, Uni, Schule in der zweiten Novemberwoche mal mit Abwesenheit zu beehren und an der Strecke oder im Wendland aktiv zu werden.
Also: Pläne schmieden, Banden bilden, Werkzeug schleifen, weitersagen ...
Freiheit und Kuchen !

 

  • voraussichtl. Transporttermin: 5-10.11.2001
  • zahlreiche Veranstaltungen zum Castor im Oktober-2001 - achtet auf Flyer
  • Offenes Anti-AKW-Plenum am 17.10.2001, 20.30 Uhr im Café am Grün
 
 
 
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