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pathway Aus dem Funkhaus Kampf um Anerkennung Donnerstag, 17. Mai 2012
Kampf um Anerkennung PDF  | Drucken |
Das Konzentrationslager Uckermark

Die Bundesstraße 96 bringt Autos und Lastwagen ins brandenburgische Fürstenberg. Mehr, als es dem kleinen Luftkurort an der Havel zwischen Berlin und Stralsund lieb ist. Für die Stadt mit ihrer, wie sie selbst schreibt, \"interessanten Historie\" ist Abhilfe in Sicht: Das Land plant eine Umgehungsstraße. Deren vorgesehener Verlauf zeugt indes von wenig Geschichtsbewusstsein: Der Verkehr soll über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Uckermark rollen. Damit würden die Bemühungen verschiedener Initiativen zunichte gemacht, Reste des Lagers auszugraben - um so das kaum bekannte KZ in das Bewusstsein von Forschung und Öffentlichkeit zu rücken.

Die NationalsozialistInnen hatten Uckermark als Jugendschutzlager bezeichnet. Sie hielten dort Frauen gefangen, die meisten zwischen 16 und 21 Jahre alt. Ihre Inhaftierung sollte nicht sie selbst schützen, wie es der Begriff suggeriert; vielmehr sollte die Bevölkerung von den \"Umtrieben\" der Frauen verschont werden. Im Jahr 1939 forderte der Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdiensts, Reinhard Heydrich, erstmals, besondere Lager für \"verwahrloste Jugendliche\" zu bauen. Die NationalsozialistInnen verfolgten damit zwei Ziele: Zum einen wollten sie die überfüllten Erziehungsheime entlasten, zum anderen Kapital aus der Arbeitskraft der Mädchen und Frauen schlagen; sie mussten Zwangsarbeit für das Unternehmen Siemens und Gutshöfe in der Umgebung leisten. Es herrschten Gewalt und Hunger.

Das erste \"Jugendschutzlager\" war das KZ Moringen, in das die NationalsozialistInnen von 1940 an männliche Jugendliche verschleppten. 1942 wurde das KZ Uckermark gebaut - von den Inhaftierten des nahen Männerlagers im KZ Ravensbrück. Uckermark wurde dem Lagerkomplex Ravensbrück direkt zugeordnet, Lagerkommandantin war die SS-Kriminalrätin Lotte Toberentz. Bis zur Befreiung durch die Rote Armee am 30. April 1945 wurden dort 1000 bis 1200 Mädchen und junge Frauen gleichzeitig eingesperrt.

Für die Gefangennahme reichte eine Anweisung des Reichkriminalamts ohne gerichtliches Urteil. Die Gründe für die Deportation waren vielfältig. Viele Frauen und Mädchen wurden aus Erziehungsheimen überwiesen. Die meisten von ihnen waren wegen ihres nicht-konformen Verhaltens aufgefallen; sie hatten den Regeln der NationalsozialistInnen widersprochen, etwa Arbeit oder den Dienst im Bund Deutscher Mädchen verweigert. Einige junge Frauen gehörten zur Swing-Jugend, einer verbotenen Musikrichtung, oder hatten Beziehungen zu Juden oder anderen Verfolgten. Das fassten die NationalsozialistInnen unter die Begriffe \"sexuelle Verwahrlosung\" und \"Rassenschande\". Andere hatten sich des aktiven Widerstands verdächtig gemacht oder gehörten zu einer als asozial bezeichneten Familie. Das sind nur einige Beispiele. Auch junge slowenische und französische Partisaninnen waren im KZ Uckermark inhaftiert.

Im Januar 1945 begannen die NationalsozialistInnen, das Lager weitgehend zu räumen. Die meisten Mädchen und jungen Frauen wurden nach Ravensbrück gebracht. Das KZ Uckermark wurde zweigeteilt, ein Abschnitt diente weiter als \"Jugendschutzlager\", der andere wurde zum Vernichtungslager ausgebaut. Dort wurden Frauen aus dem KZ Ravensbrück ermordet. Von Februar bis April 1945 wurden 5000 Frauen \"überstellt\", weniger als 1000 überlebten.

Ein blinder Fleck
Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte die Sowjetische Armee bis zum Jahr 1994 das frühere Lager als Militärgelände. Sie bebaute es teilweise mit Straßen und Gebäuden. Die ehemaligen Baracken und anderen Lagergebäude stehen nicht mehr; sie wurden wahrscheinlich niedergebrannt. Auch Originaldokumente sind kaum erhalten, noch die SS hatte die meisten vernichtet. Das macht eine Aufarbeitung der Geschichte des KZ Uckermark schwierig. Nachdem es seit den 80er Jahren einige Workcamps auf dem Gelände gab, fand 1997 ein FrauenLesben-Baucamp und dieses Jahr ein internationales Frauen-Workcamp statt. Die Teilnehmerinnen gruben nach Fundamenten der Baracken und Gebäude und versuchten, mehr über das ehemalige Konzentrationslager herauszufinden. Die Camps sind Teil einer Kampagne, die die Existenz des KZ Uckermark und der verfolgten Mädchen und Frauen ins öffentliche Bewusstsein rücken will. Die Aktiven arbeiten darauf hin, dass Uckermark ebenso Mahn- und Gedenkstätte wird wie das Konzentrationslager Ravensbrück. Mit der geplanten Umgehungsstraße gewinnt diese Forderung an Brisanz.

Die Verkehrsplaner diskutieren die Route über das frühere KZ seit 1995, und sie wird seither von der Lagergemeinschaft Ravensbrück, dem Freundeskreis und dem internationalen Ravensbrück-Komitee scharf kritisiert. Nicht nur, dass die Straße Ausdruck tiefster Missachtung und Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern wäre. Die würde auch jegliche Möglichkeit zerstören, nach immerhin mehr als 50 Jahren die Geschichte des Konzentrationslagers und der Opfer zu erforschen, erklären die Initiativen. Denn bislang ist über das Schicksal der Jugendlichen in den \"Jugendschutzlagern\" erschreckend wenig bekannt. Als Konzentrationslager wurde Uckermark erst im Jahr 1970 anerkannt. Vorher galten die dort inhaftierten Mädchen und Frauen nicht einmal als Opfer und Verfolgte des Naziregimes.

Auch wenn dank der ehrenamtlichen Bemühungen allmählich das Wissen um das KZ Uckermark und seine Opfer wächst, ist das öffentliche Interesse denkbar gering - was die Verkehrsplaner eindrucksvoll verdeutlichen. Eine andere Route für die neue Bundesstraße 96 und eine gründliche Aufarbeitung der Geschichte könnte nicht nur dazu führen, dass die offizielle Darstellung der \"interessanten Historie\" Fürstenbergs im Internet künftig die Zeit nach 1877 angemessen berücksichtigt. Es wäre auch eine Zeichen dafür, dass man sich langsam der Verantwortung für die Geschichte des Nationalsozialismus stellt.

Sabine Beckmann

 
 
 
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