Rezension: Fegefeuer in Ingolstadt

Das Theaterstück “Fegefeuer in Ingolstadt” von Marieluise Fleißer feierte am Samstag den 07. Januar Premiere am Stadttheater Gießen.
Fleißers Stück beschäftigt sich mit Ausgrenzung und Mobbing von Jugendlichen in den 20er Jahren.

Olga (Anne-Elise Minetti) ist der Liebling der Familie und wird deswegen von ihrer Schwester Clementine (Marlene-Sophie Haagen) beneidet. Zu diesem Zeitpunkt weis noch niemand das sie schwanger ist. Der Vater des Kindes drängt sie zu einer Abtreibung bei einer Engelmacherin, die dies aber wegen dem gesellschaftlichem Druck und einer Haftstrafe inzwischen mehr praktiziert.
Der Nachbarsjunge Roelle (Lukas Goldbach) hat den Versuch mitbekommen und versucht nun Olgas Situation auszunutzen und ihr näher zu kommen.
Ist Olga zunächst froh auf einen verständnisvollen Menschen zu treffen, wandelt sich dies wieder recht schnell in Abscheu das durch Roelles übergriffiges Verhalten begünstigt wird. Dieser versucht sich die Zuneigung durch, von seiner Mutter gestohlenes Geld, zu erkaufen. Außerdem gibt er vor mit Engeln in Kontakt treten zu können und will dies auch in der Kirche beweisen. Da dies allerdings nicht gelingt wird er von der Menschenmenge bedrängt und schließlich mit Steinen beworfen.
Unterdessen setzt sich auch der Konflikt zwischen Olga und dem Vater des Kindes, Peps (Milan Pešl), fort. Zusammen mit seiner Freundin Hermine (Beatrice Boca) schikanieren sie immer wieder Olga und alle zusammen auch Roelle. Dies geht sogar soweit das sie ihn in einen Wasserbottich stecken und Waterboarding mit ihm betreiben.
Als sich Olga ihrem Vater anvertraut wird sie verstoßen und gerät in die Spirale aus sozialer Ausgrenzung und Verachtung durch die Gesellschaft.

Viele Aspekte in Fleißers Schauspiel sind auch heute noch aktuell im Hinblick auf Gruppendynamik bei Jugendliche. Auch heute noch sind Mobbing und Ausgrenzung bei Jugendlichen kein Randphänomen, sondern Alltag. Hier zeigt das Stück deutlich wie sich das ganze zu einer Spirale entwickeln kann, die kaum noch eine Möglichkeit bietet den Prozess zu stoppen.
Andere Aspekt sind hingegen heute längst passé, bzw. treten nicht mehr so offen als Problem auf. So ist heute zwar Abtreibung keine Straftat mehr, trotzdem ist es auch heute noch eine Sache die in vielen Fällen tabuisiert wird.
Vor allem die Auseinandersetzung mit dem Katholizismus wirkt in der heutigen Zeit nicht mehr zeitgemäß und sorgte auch für das ein oder andere Fragezeichen beim Publikum.

Vor allem das Bühnenbild von Heiko Mönnich überzeugt durch seine einfach und doch beeindruckende Kulisse. So präsentiert sich die Bühne als verwaiste Eisenbahndrehscheibe, die zwar Richtungen anzeigt, aber es nicht ermöglichen sich in dies auch fortzubewegen. So zeigt sich übertragen, das die gefühlten Perspektiven der Jugendlichen letztlich ins Nichts führen. Auch die Beleuchtung fügt sich in diesen Rahmen ein und sorgt mit einigen Schattenspielen für eine subtile Wirkung. Die Kostüme sind der Zeit entsprechend sehr nüchtern gehalten und sind in ihrer Farbwahl entsprechend blass.
Mehr als unheimlich sind die Puppen, die die Menschenmenge symbolisieren sollen, haben diese doch nicht nur ein Gesicht sondern über die gesamte Kopffläche verteilt mehrere. In Kombination mit der Aufhängung an ihrem Kopf, haben sie als anonyme Masse, die durch die Schaupsieler:innen bewegt wird eine passende Wirkung.

Fegefeuer in Ingolstadt ist kein leichtes Stück und man merkt mehr als einmal das die Geschichte nicht wirklich gut gealtert ist, was auch daran liegt das die 1920er Jahre ein recht unbekanntes Jahrzehnt in gesellschaftlicher Hinsicht darstellt.


Fegefeuer in Ingolstadt
Schauspiel von Marieluise Fleißer
Stückinfo
Termine / Karten


Der Beitrag lief am 09. Januar 2017 in der Frühschicht auf Radio Unerhört Marburg.

Leave a comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.