Statement zum Verkauf des Lokschuppens

 

 

Sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger der Stadt Marburg,
sehr geehrtes Stadtparlament,
liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

Radio-Unerhört-Marburg e.V. (RUM) sieht den aktuellen Entwicklungen auf dem Gelände der Waggonhallen mit Spannung und Skepsis zu.

Zum einen sind wir erfreut über die Entwicklungen der letzten Jahre. Neue Radwege, Zufahrten und Gehwege machen das Gelände zugänglicher. Neue Nachbarinnen und Nachbarn, die eine Kletterhalle gebaut haben, beleben das Areal. Die geplanten Sanierungen unseres Funkhauses machen es hoffentlich barriereärmer und somit endlich zugänglich für Menschen mit Rollstuhl. Genauso freuen wir uns für unsere Nachbarinnen und Nachbarn des Rotkehlchen und der Waggonhallen. Auch ihre Gebäude werden saniert. 

Ebenso gespannt verfolgen wir den baldigen Verkauf des Lokschuppens. Der Aussicht auf eventuelle neue Nachbarn, die Platz schaffen für noch mehr kreatives Potenzial auf dem Gelände, schauen wir gespannt entgegen. Dabei ist uns als Anlieger_innen wichtig, dass die neuen Nachbarinnen und Nachbarn ein durchdachtes, transparentes Konzept und ein offenes Ohr für uns haben. Dies haben Christmann und Pfeifer durch ihre Vorgespräche mit uns und den anderen Anlieger_innen und auf der Informationsveranstaltung am 6. Juni bewiesen. 

Aber es deuten sich auch mögliche Entwicklungen an, die uns Sorge bereiten. 

Das andere der beiden übriggebliebenen Konzepte soll von der Bieter_innengemeinschaft Drehscheibe Lokschuppen, die eng mit dem Christus-Treff verknüpft ist, umgesetzt werden. Dabei ist der Christus-Treff keine harmlose und weltoffene christliche Gruppierung wie beispielsweise die ESG, die sich bereits in unserer engen Nachbarschaft befindet. Sondern eine evangelikale Gemeinschaft, welche antidemokratische und menschenfeindliche politische Inhalte vertritt.

Der Christus-Treff in Marburg ist Mitglied der Deutschen Evangelischen Allianz, welche offen Homofeindliche Standpunkte vertritt und sich dabei nicht reformierbar gibt. So trat der Vorstand der DEA gegen Ende 2016 vorzeitig zurück, nachdem er zu Anerkennung von Menschen aufgerufen hatte, die „ihre Homosexualität geistlich für sich geklärt haben und sich von Gott nicht zur Aufgabe dieser Prägung aufgefordert sehen“. Homosexualität gilt hier als unvereinbar mit dem christlichen Glauben. Ähnliche Statements sind auch von Mitgliedern des Christus Treff bekannt, bis hin zu der Aussage, dass ein homosexuelles Outing für Mitarbeiter_innen des Christus-Treff ein Kündigungsgrund sei. Zu dem 2009 vom Christus-Treff organisierten Kongress „Psychotherapie und Seelsorge“ wurden neben Roland Werner, langjährigem Vorstand des Christus Treff und u.a. Autor des Buches „Homosexualität – ein Schicksal?“, auch Vertreter_innen der Organisation Wüstenstrom, deren Hauptzweck die Therapie von Homosexualität ist, zu Vorträgen eingeladen, sowie Christl Vonholdt, welche in lesbischer Sexualität einen Fehlschlag weiblicher Entwicklung sieht. Trans Personen sind für Vonholdt leidende psychisch Kranke, die ebenfalls ihre Erfüllung in der gottgegebenen Rolle als Mutter oder Vater finden sollten. 

Hieran gab es dankenswerterweise in der Marburger Öffentlichkeit breite Kritik, unter anderem auch von einem breiten Bündnis Marburger Psychotherapeut_innen.

Der Christus-Treff will im derzeit teilweise stark einsturzgefährdeten Werkstattgebäude neben dem Ringlokschuppen eine „Erlebniswelt für Kinder“ errichten. Neben der Befürchtung, dass in diesem Umfeld bi-, homosexuelle, inter* und trans* Menschen offen diskriminiert werden, tragen wir auch Sorge, dass Kinder hier zu Intoleranz und Menschenfeindlichkeit erzogen werden. Diese Befürchtungen konnten von den Fürsprecher_innen der Bieter_innengemeinschaft Drehscheibe Lokschuppen leider nicht ausgeräumt werden. Im Gegenteil weigerte sich der Christus-Treff auf einer Informationsveranstaltung der Stadt Marburg am 6. Juni trotz mehrmaliger Nachfrage und Aufforderung, sich und sein Konzept für das Werkstattgebäude und die Nutzung des Lokschuppens vorzustellen. Dies wird kein Zufall sein.

Ebenso wenig sind die Bieter_innengemeinschaft Drehscheibe Lokschuppen oder der Christus-Treff bisher auf die Anlieger_innen zugegangen. Unsere Wünsche und Bedürfnisse spielen, anders als bei Christmann und Pfeifer, in deren Konzept keine Rolle. 

Als gemeinnütziger Verein, der mit seinen Mitgliedern für Offenheit und Toleranz eintritt, können wir nicht anders, als mit Sorge auf den möglichen Verkauf des Lokschuppens an die Bieter_innengemeinschaft Drehscheibe Lokschuppen reagieren. 

Wir fordern Entscheidungstragende dazu auf, ihre Verantwortung wahrzunehmen und die Rolle des Christus-Treff in der Bieter_innengemeinschaft sowie sein Konzept für die „Erlebniswelt“ genau zu prüfen.

Es geht uns nicht um die Ablehnung von Religiosität, die gerne in unserer Nachbarschaft ihren Ort haben kann. Sondern um ein gutes nachbarschaftliches Klima, in dem ein wertschätzendes Miteinander auf Augenhöhe möglich ist. 

Kein Raum für Sexismus, Homo-, Bi-, Trans- und Interfeindlichkeit!

Radio-Unerhört-Marburg, Juni 2017

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